In Spitälern gibt es Managementdefizite – Ein Vergütungsexperte wittert Vetternwirtschaft

Luzerner Zeitung

Schweizer Spitäler werden mehrheitlich von Politikern, Ärzten und Anwälten geführt. Urs Klingler sieht darin einen Grund für die hohen Kosten. Er fordert im Gespräch mit der Luzerner Zeitung mehr Fachkompetenz und mehr Unabhängigkeit in den Verwaltungsräten.

Kaum Managementerfahrung

In der Theorie ist es klar: Der Verwaltungsrat hat die oberste Verantwortung für ein Unternehmen und setzt sich deshalb aus erfahrenen Führungskräften zusammen. In der Gesamtwirtschaft haben denn auch zwei von drei Verwaltungsräten bereits Erfahrungen in Geschäftsleitungen gesammelt. Nicht so in den Schweizer Spitälern: Obwohl sie mit 2000 bis 10’000 Mitarbeitern eine vergleichbare Grösse aufweisen, haben ihre Führungskräfte kaum Managementerfahrung vorzuweisen.

Urs Klingler hat die 20 grössten Spitäler der Schweiz mit dem Rest der Wirtschaft verglichen. Die Unterschiede sind frappant. Bestehen die Verwaltungsräte kotierter Firmen zu 67 Prozent aus aktuellen oder früheren Geschäftsführern oder Geschäftsleitungsmitgliedern, beträgt dieser Anteil bei den Spitälern lediglich 19 Prozent. Im Gegenzug dominieren in den Spitalverwaltungsräten Ärzte, Politiker und Anwälte, die mehr als die Hälfte ausmachen. Für Klingler fehlen dafür stichhaltige Gründe. Vielmehr wittert er Vetternwirtschaft. Er sagt: «Offensichtlich erhalten die Spitalverantwortlichen ihre Mandate nicht aufgrund ihrer Kompetenzen, sondern wegen ihrer Beziehungen.»

Ärzte und Politiker treiben die Kosten in die Höhe

Die Spitäler sind in der Schweiz der grösste Kostenblock im Gesundheitswesen. 35 Prozent der Ausgaben der Grundversicherung – über elf Milliarden Franken – fliessen jährlich in die Krankenhäuser. In den Augen von Klingler könnte ein guter Teil dieser Kosten eingespart werden, wären die Verwaltungsräte anders zusammengesetzt. Er ortet mangelndes Kostenbewusstsein. «Das ist eine direkte Folge davon, dass in den Verwaltungsräten zu wenige Finanzfachleute und erfahrene Manager sitzen.»

Heinz Locher war einst Generalsekretär der Berner Gesundheitsdirektion und sass in mehreren Spitalleitungen. Auch er übt Kritik an der Zusammensetzung der Verwaltungsräte. Er sagt: «Leider geht es häufiger darum, wer jemand ist und wen er vertritt, anstatt um die Kompetenzen, die jemand ins Gremium einbringen könnte.»

«Führungsstrukturen haben sich professionalisiert»

Verantwortlich für die Verwaltungsräte sind die Kantone. Sie entscheiden als Besitzer, wer im höchsten Führungsorgan Einsitz nimmt. Wieso berufen sie nicht mehr erfahrene Führungskräfte in die Verwaltungsräte?

Die Vize-Präsidentin der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren Heidi Hanselmann nimmt nur zurückhaltend Stellung zur Studie. Es liege an den einzelnen Kantonen, die ­Verwaltungsräte ihrer Unternehmen zu ernennen, sagt sie. «Allgemein lässt sich feststellen, dass sich die Führungsstrukturen professionalisiert haben. Die Spitäler sind heute wesentlich eigenständiger in ihrem Handeln», sagt sie. Und: «Diese Entwicklung dürfte noch nicht abgeschlossen sein.»

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